Sabine Kohlert

Das Schreiben ist wie ein Fluss, auf dem ich mich treiben lassen kann - mitreißend, voller Untiefen und Strömungen, aber auch sanft fließend und tragend.

Leseproben

Seit fast zehn Jahren bin ich Teil einer festen Schreibwerkstatt, die alle zwei Wochen stattfindet. Eine meiner Lieblingsaufgaben ist die Schnitzeljagd. Willkürlich ausgewählte Wörter sollen zu einem Text führen. Eine besondere Herausforderung ist es, die Wörter in gezogener Reihenfolge unterzubringen.

Im Anschluss an "Letzter Tango" finden Sie noch ein Gedicht von mir.


Letzter Tango

Wörter: Weinseelig, verbrennen, Sauerteig, Schiffbruch, explodieren, verräuchert, Zitterpartie, Spitzmaus, straucheln, Tango

Ihr Kopf war klar. Die Weinseeligkeit der letzten Stunden verschwunden. Alice fühlte sich, als hätte ihr jemand einen Eimer kaltes Wasser übergeschüttet. Doch ihre Wangen brannten von den salzigen Tränen, die ihr unablässig das Gesicht hinunterliefen. Das war es also gewesen? Ihr großer Traum, aus und vorbei? Sie war nicht dumm. Sie wusste, dass es nicht genug Rettungsboote an Bord gab. Sie hatte sie gezählt, in den Nächten in denen sie heimlich auf das Deck der ersten Klasse geschlichen war. Und die Rettungswesten? Keine zehn Minuten würde sie bei dieser Eiseskälte im Wasser überleben.

Sie war dritte Klasse. Kein Platz für die dritte Klasse in den Booten. So gerne wollte sie dieser Drittklassigkeit in ihrem Leben entkommen. Ein neues Leben in einem neuen Land. Neu anfangen, aufsteigen, zu den Reichen und Schönen gehören, strahlen, das Elend hinter sich lassen. Tanzen, das konnte sie, darin war sie erstklassig. Damit hätte sie wirklich eine Chance gehabt in Amerika.

Sieben Pfund, zehn Schillig, hatte sie für die Überfahrt bezahlt. Dafür gab es eine warme Mahlzeit am Tag und ein Bett in einem Schlafraum mit sieben anderen Frauen.

Plötzlich nahm sie wieder die Geräusche wahr. Sie drängten sich in ihre Gedanken. Chaos – Menschen schrien, weinten, beklagten ihr Schicksal. Die Frau neben ihr verströmte in ihrer Angst einen intensiven Geruch nach gärendem Sauerteig. Alice musste würgen, sie drehte sich weg und ging die Reeling entlang. Wie ein Geist bewegte sie sich, inmitten der hysterischen Menschen. Immer wieder hörte sie die Worte »Schiffbruch«, »Unmöglich«, »Unsinkbar«. Sie spürte ein feines Grollen unter ihren Füßen, das zu einem immer lauter werdenden Erdbeben anschwoll. Die Explosion, die folgte, warf sie zu Boden. Feuer züngelte aus einer Tür nur wenige Meter entfernt. Der Qualm war stechend, schlängelte über den Boden und verräucherte die Umgebung. Alice hustete und rappelte sich auf. Sie versuchte dieses schreckliche Szenario irgendwie auszublenden und dachte an die Feier im Gemeinschaftsraum vor ein paar Stunden, mit Musik und Tanz. Der junge Bäcker hatte heftigst mit ihr geflirtet. Ein schneller Kuss zwischen zwei Gläsern Wein. Die Party hatte so großartig begonnen. Jetzt war eine Zitterpartie daraus geworden. Alice schüttelte den Kopf. Keine Zitterpartie, der Ausgang dieser Veranstaltung war nicht ungewiss. Dieses Schiff würde sinken, das wussten sogar die Mäuse, die verzweifelt über das Deck rannten. Das Schiff lief langsam voll Wasser, der Bug neigte sich immer weiter nach oben. Alice strauchelte, festen Halt zu finden wurde immer schwerer.

Die ersten Töne des neuen Liedes ließen sie herumfahren. Die Bordkapelle hatte die ganze Zeit gespielt. Die Menschen beachteten die Musik nicht, auch Alice war mit ihren Gedanken weit weg gewesen. Doch dieser Takt, diese Töne, waren ihre Passion. Deswegen waren die Leute ins »Purple curtain« gekommen, um sie und ihren Partner tanzen zu sehen. Alice zog ihre rutschigen Schuhe aus und warf sie über Bord. Sie würde tanzen. Ihr letzter Tango hatte begonnen.

Mein Gedicht "Großelternhaus" inspiriert durch "Der Ort" von Bernd Jentzsch

Großelternhaus

Wo ich jeden Winkel kannte.

Wo ich immer war.

Wo an der schweren Haustür, mit dem schrägen Holzmuster, für mich außen der Schlüssel steckte.

Wo ich hinter der Garage im Regenfass kleine Feeninseln schwimmen ließ, aus Blättern, Gänseblümchen und Pusteblumensamen.

Wo ich Mosshäuschen baute.

Wo ich unsichtbare Freunde hatte.

Wo ich an der Hauswand saß,

auf der blau gestrichenen Holzbank, einen Teller mit Birnenspalten auf den Knien.

Wo ich auf der Schaukel Lieder dichtete und Stöckchen in den Boden steckte, um zu sehen, wie weit ich diesmal geflogen war.

Wo ich mit dem neuen Rasensprenger »Duck dich weg« spielte und die Wäsche auf der Leine nicht beachtete.

Wo ich mir die Ohren zuhielt und die Augen zukniff, wenn Großvater mit dem Hammer auf den Kopf des Karpfen schlug.

Wo ich Kartoffelsalat und die knusprigen Flossen am allerliebsten aß, weil Großmutter einfach die besten gebackenen Karpfen der Welt machte.

Wo ich bei Regenwetter auf dem Dachboden spielte, mit Stöckelschuhen und dem alten Brautkleid.

Wo ich lernte, wie man Schafkopf spielt, einen Lottoschein ausfüllt und wie man sich mit dem Rücken am Türrahmen ordentlich kratzt.

Wo ich Geschichten hörte von früher und vom Krieg.

Wo ich aus der gusseisernen Auflaufform, den karamellisierten Saft der Äpfel vom Rand kratzte, weil der das beste am Apfelstrudel war.

Wo ich es liebte, als ich noch ganz klein war, die Fensterladenmännchen rauf- und runter zu klappen.

Wo jetzt Jalousien an den Fenstern sind und eine neue glatte Haustür in Buchenoptik.

Wo ich noch nie war.

Wo ich, wenn ich die Augen schließe, noch immer jeden Winkel kenne.

Racheengel

Wörter: bröckeln, schlohweiß, blitzartig, süchtig, blenden, Wiegenlied, Drecksnest, bucklig, Grünschnabel, Bürgermeister, wispern, Wolfsgeheul, schaukeln

Die Fassade bröckelte. Eloisas glänzend schwarzes Haar, wurde erst matt und grau und schließlich schlohweiß. Entsetzt schlug sich die junge Frau die Hand vor den Mund, als sie ihr Spiegelbild in dem kleinen Waldsee erblickte. Sie sah, wie ihr Gesicht faltig und ihr straffer Körper immer krummer und schlaffer wurde. So war es jedes Mal und jedes Mal wurde sie von dem Grauen erfasst, was gerade mit ihr geschah. Sie war nicht jung, sie war alt, sehr alt. Blitzartig streifte sie ihre Kleider ab und stieg in das kühle Nass. Um ihren alten verbrauchten Körpr bildeten sich kleine Wellen, die das Abbild im Wasser verzerrten, die ihr Anlitz in eine Fratze verwandelten.

Wie eine süchtige, griff sie zitternd nach dem Wasser. Schlürfte es gierig aus den Händen, bespritzte sich damit. Wieder und wieder tat sie das, lief dabei in den See hinein und tauchte schließlich unter. Das Wasser schlug mit einem leisen saugenden Geräusch über ihrem Kopf zusammen. Der See beruhigte sich wieder. Die Wellen glätteten sich.

Am Abend lag Eloisa neben ihrem jungen und wunderschönen Mann. Zart streichelte sie über sein Haar. Sie lächelte liebreizend, doch in ihrem Kopf herrschten dunkle Gedanken. Wie gut sie ihn hatte blenden können. Er ahnte nicht, dass er sein Bett mit einer uralten Frau teilte, mit einer Verfluchten. Sie wartete, bis er eingeschlafen war.

Kraftlos schlich sie in die Kinderstube und trat an das kleine Bett. Als ihr Sohn kurz die Augen öffnete, sang sie leise ein Wiegenlied. Sie ließ sich zu Fuße des Bettes nieder und vergoss heiße Tränen, denn schon heute war die Nacht, an dem sie wieder alles verlieren sollte. Ihre Gedanken gingen zurück, zu jenem unseligen Tag, an dem alles Begann.

Mit fünfzehn Jahren war ihre Welt voller Hoffnung und Träume. Es machte ihr nichts in diesem elendigen Drecksnest zu leben, wie ihr Vater es bezeichnete. Sie tanzte in den lauen Sommernächten über Felder und Wiesen, sie wand sich bunte Blumenkränze für das Haar und sie genoss die Blicke der Jungen und Männer, wenn sie aus dem dünnen Sommerkleid schlüpfte, um im Waldsee zu baden.

So auch an diesem Tag. Doch diesmal wollten die Männer nicht nur zusehen. Der buckelige Gorgo wurde vorgeschickt, um ihr Kleid zu stehlen. Dann musste er hinter der dicken Eiche in Deckung gehen, um Wache zu halten.

Die Männer umringten Eloisa, schubsten sie grob hin und her und machten schmierige Bemerkungen. Das Mädchen weinte und bettelte, sie doch gehen zu lassen. Doch das stachelte die Männer nur noch mehr an. Der schmächtige Solman wurde auserkoren, Eloisa zuerst haben zu dürfen. Mit seinen erst dreizehn Jahren war er noch ein rechter Grünschnabel und so war es vorbei, bevor er dem Mädchen überhaupt ein Leid antun konnte. Eloisa flehte um Hilfe, bat die Waldgeister und Mutter Natur um ihren Schutz. Von den Männern erntete sie dafür nur Hohngelächter und Spott. Als der Sohn des Bürgermeisters unter lautem Johlen seine Hose herunterließ, vernahm das verzweifelte Mädchen ein Wispern an ihrem Ohr. »Ich habe erlitten, was sie dir gerade antun wollen. Doch du sollst Hilfe bekommen, wenn du versprichst, mein Racheengel zu werden. Wenn du einwilligst, haben wir einen Pakt, der sich nicht mehr lösen lässt, außer du gebärst irgendwann ein Mädchen.«

Die Worte verwirrten Eloisa. Sie drehte ein wenig den Kopf und sah die Ehrfurcht gebietende Nymphe des Sees über dem Wasser schweben. Aus ihren wässrig blauen Augen sah sie regungslos zu ihr hinüber. Ihr Gesicht wirkte trotz seiner unglaublichen Schönheit hart und kalt.

Das Mädchen hatte nicht alles verstanden, doch sie nickte aus Angst vor ihren Peinigern. Da hob die Gestalt die Hand und ein durchdringendes Wolfsgeheul erhob sich.

Das Gelächter der Männer erstarb. Nur Sekunden später fegte ein Rudel mächtiger wilder Tiere durch die Gruppe und ließ nichts zurück, außer dem zitternden Mädchen.

Die Nymphe badete Eloisa in dem See, wusch all den Schmutz ab und sagte: »Ewige Jugend sei dir gegeben, bist mein Racheengel, nimmst der Männer Leben. Doch sollte das Schicksal es anders lenken, wirst du einst einem Mädchen das Leben schenken, damit endet unser Vertrag, sollst frei sein ab jenem Tag.«

Das Weinen ihres Sohnes holte Eloisa aus der Erinnerung zurück. Sie schaukelte den Jungen und wickelte ihn in eine Decke. Dann machte sie sich auf, um erneut den Pakt zu erfüllen. Seit hundertzwanzig Jahren, wieder und wieder. Und wieder hatte sie so sehr auf ein Mädchen gehofft.

Sie schloss die Tür zum Schlafzimmer und warf noch einen letzten Blick auf ihren Ehemann, der erstochen in seinem Blut bleich und kalt dalag. Am See legte sie ihren Sohn auf ein verschnürtes Bündel Äste und schob ihn damit auf das Wasser hinaus. Sie drehte sich nicht um, als sie das gurgelnde und schmatzende Geräusch des verschlingenden Teichs vernahm.

Die Nymphe hatte erneut ihre Rache bekommen.